"Ulla Schmidts Klinik-Reform ist nur Stückwerk"

In der WELT vom 27.1.02 beschäftigte sich Dorothea Siems in einen Kommentar zur Reform der Krankenhäuser vor allem mit der Einführung einer Fallpauschale, die die bisher berechneten Tagessätze ablösen soll.

 

 

 

 


Wenn die Fallpauschale nur dazu führt, daß "die Blinddarmoperation in München ebenso viel kostet wie in Kiel" (und in Husum oder Pinneberg etc.), dann ist das wirtschaftlicher Unsinn. Selbst die großen Autofirmen schreiben ihren Werkstätten keine bundeseinheitlichen Endpreise vor, sondern bestimmen nur, welchen Zeitaufwand und welche Materialien dem Kunden berechnet werden dürfen. Der Stundenlohn dagegen wird - weil er je nach Lage und Situation der Werkstatt nicht nur im Vergleich zu den neuen Bundesländern, sondern auch innerhalb der alten sehr unterschiedlich ist - indviduell berechnet und mit dem Zeitaufwand multipliziert. Krankenhäuser haben nun mal auch unterschiedliche Kosten. Oder wollen wir, daß in jedem Provinz-Krankenhaus Professorengehälter und generell Großstadtgehälter gezahlt werden sowie Computer-Tomographen und andere Groß-Therapiegeräte stehen? Der Trend der Patienten zu den Großkliniken würde sich verstärken, und die Kassen hätten kaum ein Interesse das zu verhindern.

 

Das Kostenproblem der Krankenhäuser ist auch nicht damit zu lösen, daß die Patienten schon am Freitag entlassen werden statt am Montag. Die Fixkosten blieben dem Krankenhaus und die fehlenden zwei Tagessätze der leerstehenden Betten müßten auf auf alle anderen Patienten umgelegt werden. Die zu deckenden Gesamtkosten würden sich kaum verändern. Ähnliches gilt für eine einfache Verringerung der Verweildauer, so notwendig sie grundsätzlich ist. Wenn die Betten nicht sofort wieder mit anderen Patienten belegt werden können, ändern sich die Fixkosten des Krankenhauses kaum. Eine ständige Vollauslastung aber bedeutet unausweichlich den Abbau von Betten, also die Schließung von Krankenhäusern und in letzter Konsequenz der Rückzug aus der Fläche. Genau das befürchtet ja auch manche Gemeinde schon. Diese Entwicklung durch "Sicherstellungszuschüsse" der Länder aufhalten zu wollen ist doch wohl ein Schildbürgerstreich. Es würde doch die Kosten nicht verringern, sondern sie nur von den Krankenkassen - sprich dem Beitragszahler - auf den Steuerzahler verlagern, ein weiterer volkswirtschaftlicher Unsinn!

 

Das grundsätzliche Problem der Krankenhäuser liegt doch ganz woanders: in ihrer Ineffizienz: Von Freitagmittag bis Montagvormittag herrscht Stillstand der Behandlung. Die z.T. Millionen teuren Hightech-Geräte, die ohnehin nur wenige Stunden pro Tag ausgelastet sind, stehen ungenutzt herum und das auch nicht gerade billige Krankenhauspersonal ist mehr oder weniger nur mit der Aufrechterhaltung des Status quo beschäftigt.

 

Die Lösung?
Schaffung von Schwerpunktkrankenhäusern, die bei ensprechender Austattung mit qualifizierten Ärzten und Pflegepersonal sieben Tage in der Woche (und in Teilbereichen notfalls rund um die Uhr im Schichtdienst) spezialisierte, gezielte Therapie bieten.
Umwidmung der Häuser, die dafür nicht benötigt werden, in Pflegehäuser, in denen die Patienten behandelt werden, die der spezialisierten Behandlung nicht bedürfen (Krankenhäuser der Grundversorgung), sowie in Pflegeheime, in denen bettlägerige Patienten betreut werden, für die eine Behandlung im Krankenhaus nicht notwendig ist, eine Betreuung im Altersheim dessen Möglichkeiten aber überfordern würde.
Schließung der auch dafür nicht gebrauchten Häuser ohne Rücksicht auf regionale Befindlichkeiten.


Dadurch ließen sich nicht nur enorme Kosten sparen, sondern gleichzeitig die Qualität der Behandlung steigern. Man müßte und könnte mehr Ärzte einstellen und ihnen qualifizierte Aufgaben geben (und damit eine Abwanderung verhindern). Auch die Situation des Pflegepersonal und dessen Bezahlung ließe sich dann verbessern.

Alle anderen Maßnahmen wie Fallpauschalen, Aufhebung der Budgetgrenzen bei den Kassen etc. könnten zusätzliche Entlastung bringen. Allein werden sie nicht viel nützen.

Solange die Grundprobleme aber nicht erkannt und gelöst werden, wird es auch keine grundlegende Sanierung des Krankenhauswesens geben.


In der prekären Situation, in der sich die Krankenhäuser und das gesamte Gesundheitswesenbefinden, helfen nur noch unkonventionelle Maßnahmen wirklich, auch wenn sie unpopulär sein mögen. Und warum sollte ausgerechnet in einem Bereich, wo es um den Menschen geht, seine Gesundheit und sein Leben, nicht möglich und erträglich sein, was in ähnlich wichtigen Dienstleistungsberufen (Polizei, Bahn, Feuerwehr etc.) von niemand mehr beanstandet wird, ja von jedermann für selbstverständlich erachtet wird.

gs