Die Bluttat von Erfurt und ihre Konsequenzen








Alle spektakulären Bluttaten der letzten Jahrzehnte hatten die gleichen Rituale zur Folge:

1. allgemeine Bestürzung und Abgabe von Statements durch die Politiker
2. Trauer
3. Suche nach den Fehlleistungen/Versäumnissen der Schuldigen und Erklärung
4. Rechtfertigung für die Täter bzw. Suche der „eigentlichen“ Schuld bei der „Gesellschaft“
4. Hektische Ergreifung von (Pseudo-)Maßnahmen, die eine Wiederholung verhindern sollen
5. Übergang zum Alltag in der Beruhigung genug getan zu haben, um eine Wiederholung auszuschließen

Begleitet wird dieses Ritual von den Medien mit Sonderseiten der Zeitungen und Sondersendungen von Fernsehen und Rundfunk, Interviews von Zeugen und Experten sowie Statements von Polizeibeamten und Politikern.

Die Dauer der einzelnen Phasen dieses Rituals richtet sich einmal nach den Motiven der Täter, der Anzahl der Opfer und dem Kreis der Betroffenen. Am kürzesten ist die Dauer des Rituals bei einem politisch motivierten Täter, nur einem Opfer und wenigen Betroffenen (z.B. nur Familienangehörigen), am längsten bei einem Einzeltäter mit persönlichen Motiven, vielen Opfern und vielen Betroffenen (z.B. wie beim Erfurter Mordanschlag potentiell alle Schüler, Lehrer und deren Angehörige). Das läßt sich an allen spektakulären Bluttaten der letzten Jahrzehnte verfolgen, von Schleier über Herrhausen, Buback, Rohwedder, den 11. September, Dscherba bis hin zu Erfurt, wobei letzteres aus den genannten Gründen die nachhaltigste Wirkung (hier in Deutschland) haben dürfte. Die Mordanschläge in Isreal nehmen eine Ausnahmestellung ein, weil hier der Gewöhnungseffekt den Ablauf enorm verkürzt; hier ist leider ein Tag ohne Attentat ja fast schon die Ausnahme.

Alle Bluttaten haben nur noch historischen Erinnerungswert sobald die Emotionen erloschen und die unmittelbaren Folgen beseitigt sind. Geändert hat sich grundsätzlich nichts oder nur Unwesentliches, was zur Verhinderung ähnlicher Ereignisse nur marginale Wirkungen haben kann. So richtig die (längst überfällige, aber wieder einmal sehr unzulängliche) Verschärfung der Waffengesetze und (Einschränkung oder Verbot) von Gewalt-Computerspielen ist, so wenig werden sie künftige Bluttaten verhindern. Die Maßnahmen dienen nur zu unserer eigenen Beruhigung, sie sind nur ein Alibi. Warum? Weil sie viel zu kurz gesprungen sind.

Die eigentlichen Ursachen liegen viel tiefer und sind komplexer. Und sie betreffen uns alle. Wir haben die Entwicklung selbst im Laufe der letzten Jahrzehnte herbeigeführt, sie zumindest in Kauf genommen. Und wir können sie - wenn überhaupt - kurzfristig nicht zurückdrehen. Schlimmer noch: Die polical correctness würde das sogar mit allen Mitteln verhindern wollen!

Der über Jahrhunderte geltende Werte-Kanon ist schleichend außer Kraft gesetzt worden. Allgemein gültige Tugenden wie Anstand, Achtung vor dem Nächsten (z.B. auch vor den Eltern), Höflichkeit, Fleiß, Strebsamkeit etc. wurden als Sekundärtugenden diffamiert, mit denen man auch ein KZ führen könne. Erfolg haben, wurde als unsolidarisches Strebertum hingestellt, Mißerfolg beschönigt und andere dafür verantwortlich gemacht. Freiheit des Einzelnen wird (vor allem Jugendlichen) als Recht, grenzenlos alles tun und lassen zu können, verkauft ohne darauf hinzuweisen, daß auch sie ihre Grenzen hat. Die Rechte des Einzelnen gegenüber dem Staat sowie auch seinen Mitbürgern werden feilgeboten, ohne zu erklären, daß vor den Rechten erst einmal die Erfüllung der Pflichten steht, sowohl die gegenüber dem einzelnen Mitbürger als auch die gegenüber der Gemeinschaft und dem Staat. Die „Selbstverwirklichung“ zum Lebensziel erhoben.

Warum wundern wir uns eigentlich noch darüber?

gs